Camille Étienne ist eine der prominentesten Stimmen der jungen französischen Klimabewegung. Mit gerade einmal 27 Jahren (Stand 2026) hat die gebürtige Savoyerin bereits ein Buch veröffentlicht, mehrere preisgekrönte Dokumentarfilme mitgestaltet und das Kollektiv „Avant l’orage“ gegründet. Sie verbindet wissenschaftliche Analyse, politisches Lobbying und künstlerische Formen – und fordert einen „ökologischen Aufstand“. Doch wer steckt wirklich hinter der selbstbewussten Aktivistin, die im Europäischen Parlament neben Greta Thunberg sprach und Millionen mit ihrem Video „Réveillons-nous“ erreichte? Ein Porträt ohne Inszenierung.
Frühes Leben und Herkunft
Camille Étienne wurde am 29. Mai 1998 in Grenoble geboren und wuchs im kleinen Bergdorf Peisey-Nancroix in der Region Savoie auf. Die Natur der Alpen prägte ihre Kindheit: Sie war im Skilanglauf und Biathlon aktiv. Ihr Vater arbeitete als Rettungshelfer beim Peloton de Gendarmerie de Haute Montagne (PGHM) und ist heute Bergführer. Ihre Mutter war früher Mitglied der französischen Snowboard- und Kletter-Nationalmannschaft, musste ihre Karriere jedoch nach einem Unfall beenden und arbeitet seither als Skilehrerin und Kletterlehrerin.
Schon früh zeigte Étienne ein starkes Gerechtigkeitsempfinden. Als Schülerin des Lycée Saint-Exupéry in Bourg-Saint-Maurice gründete sie die lokale Jugendgruppe von Amnesty International. Lange Zeit träumte sie davon, Richterin für Familienrecht zu werden. Nach dem Abitur (Bac ES mit Berg-Option und einem hervorragenden Durchschnitt von 19,80) unterrichtete sie Französisch für Migranten in Calais – ein erster Schritt in Richtung gesellschaftliches Engagement.
Ausbildung zwischen Wissenschaft und Aktivismus
Camille Étienne studierte von 2016 bis 2022 am renommierten Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po). Parallel absolvierte sie Philosophie an der Sorbonne (2016–2018) und ein Auslandssemester an der Universität Helsinki (2018–2019). Sie schloss mit einem Master in Wirtschaftswissenschaften ab. An Sciences Po wurde sie auf die Klimakrise aufmerksam, übernahm den Vorsitz der studentischen Amnesty-International-Sektion und wurde 2018 in die transpartisane Studierendenorganisation NOVA gewählt.
Statt direkt ins Berufsleben einzusteigen, nahm sie sich ein „gap year“ – ein Jahr, das sie vollständig dem Aktivismus widmete. Diese bewusste Pause markierte den Übergang von der Theorie zur Praxis.
Der Einstieg in den Klimakampf
Bereits 2018 wurde Camille Étienne Sprecherin des Kollektivs „On est prêt“. Sie sprach im Europäischen Parlament – gemeinsam mit Greta Thunberg, Adélaïde Charlier, Anuna De Wever und Luisa Neubauer. Ihre klare, faktenbasierte Sprache fiel auf. Während des Corona-Lockdowns 2020 gründete sie gemeinsam mit dem Regisseur Solal Moisan das Kollektiv Avant l’orage („Vor dem Sturm“). Das Ziel: Kunst und Ökologie zusammenzubringen, um die Klimakrise emotional und intellektuell greifbar zu machen.
Der Durchbruch gelang mit dem YouTube-Video Réveillons-nous („Wach auf“) vom 28. Mai 2020. Gemeinsam mit der Tänzerin und Ingenieurin Léa Durand gedreht in den Bergen, erreichte es über 15 Millionen Aufrufe und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Es folgten weitere Filme wie Glacier, Désobéir, Pourquoi on se bat und 2024 der Dokumentarfilm PFAS: comment les industriels nous empoisonnent.
Ziviler Ungehorsam, Lobbying und konkrete Aktionen
Camille Étienne setzt bewusst auf zivilen Ungehorsam, Lobbyarbeit und Aufklärung. Sie demonstrierte 2021 vor dem Élysée-Palast gegen die verwässerte Klimapolitik von Präsident Macron und reichte gemeinsam mit Cyril Dion und Pierre Larrouturou Klage gegen mehrere Minister wegen „unterlassener Hilfeleistung“ bei der Klimakrise ein.
Sie engagiert sich gegen Großprojekte wie die EACOP-Ölpipeline in Ostafrika (TotalEnergies), den Braunkohletagebau in Lützerath und den Tiefseebergbau. 2023 war sie bei den Protesten gegen die A69-Autobahn in der Zone à défendre (ZAD) präsent. Ihr Ansatz ist immer sachlich: Sie kombiniert wissenschaftliche Studien mit künstlerischen Interventionen und direkter Ansprache an Politik und Wirtschaft.
Ihr Buch und die Idee des „ökologischen Aufstands“
Im Mai 2023 erschien bei Éditions du Seuil ihr erstes Buch Pour un soulèvement écologique : Dépasser notre impuissance collective. Es wurde zum Bestseller und liegt auch als Hörbuch vor (gelesen von der Autorin). Darin analysiert sie die kollektive Ohnmacht gegenüber der Klimakrise und ruft zu einem befreienden, gemeinschaftlichen Aufstand auf – ohne Gewalt, aber mit Entschlossenheit. Das Buch verbindet persönliche Reflexionen mit fundierter Kritik am Wirtschaftssystem.
Privatleben und Haltung zur Öffentlichkeit
Camille Étienne hält ihr Privatleben bewusst zurück. Sie lebt die Werte, für die sie eintritt: Authentizität, Bescheidenheit und Konsequenz. Auf Instagram und in Interviews wirkt sie nahbar, ohne je ins Persönliche abzudriften. Sie sieht ihren Aktivismus nicht als Selbstdarstellung, sondern als notwendigen Beitrag zu einer größeren Sache.
Wichtige Fakten zu Camille Étienne
- Geboren: 29. Mai 1998 in Grenoble
- Herkunft: Aufgewachsen in Peisey-Nancroix (Savoie)
- Ausbildung: Master in Wirtschaftswissenschaften an Sciences Po Paris; Studium Philosophie (Sorbonne) und Auslandssemester Helsinki
- Gründung: Kollektiv „Avant l’orage“ (2020) mit Solal Moisan
- Buch: Pour un soulèvement écologique (2023)
- Bekannteste Aktion: Video Réveillons-nous (15 Millionen Views)
- Auszeichnungen: u. a. Vanity Fair „50 Französinnen, die 2020 geprägt haben“
- Aktueller Fokus: Direktorin eines NGOs, das Wissenschaft, Lobbying und Kunst verbindet; Engagement bei internationalen Verhandlungen (u. a. COP30 2025)
FAQ – Häufige Fragen zu Camille Étienne
Ist Camille Étienne die „französische Greta Thunberg“?
Sie wird manchmal so genannt, sieht sich aber nicht als Einzelperson im Mittelpunkt. Ihr Stil ist sachlicher und stärker auf Kunst und Institutionen ausgerichtet als der von Greta Thunberg.
Hat Camille Étienne eine Partei gegründet?
Nein. Sie arbeitet parteiunabhängig und kritisiert Politik quer durch alle Lager, wenn sie aus ihrer Sicht zu wenig für den Klimaschutz tut.
Was macht „Avant l’orage“ genau?
Das Kollektiv produziert Filme, Performances und Kampagnen, die Kunst und Ökologie verbinden, um Menschen emotional zu erreichen und zum Handeln zu motivieren.
Studierte Camille Étienne nur Wirtschaft?
Nein. Sie hat auch Philosophie studiert und später ein Master of Public Policy an der University of Oxford (Blavatnik School) absolviert.
Wie finanziert sie ihren Aktivismus?
Durch ihr NGO, Buchverkäufe, Vorträge und Förderungen. Sie bleibt transparent und unabhängig von großen Konzernen.
Fazit
Camille Étienne ist keine laute Ikone, sondern eine kluge, konsequente Aktivistin einer neuen Generation. Sie zeigt, dass man mit Fakten, Kunst und Mut zur Konfrontation echte Veränderung anstoßen kann – ohne dabei die eigene Menschlichkeit zu verlieren. In einer Zeit, in der viele junge Menschen Ohnmacht spüren, steht sie für die Überzeugung: Kollektives Handeln ist möglich. Wer wissen will, wie die Klimabewegung der Zukunft aussieht, sollte Camille Étienne im Blick behalten.
